Ein Kriegerfest in Westpreußen

von Gerhard Templin

Bearbeitung C. Mühleisen

Als ich noch sehr jung war, gab es außer Weihnachten, Ostern und Pfingsten noch einige Feste auf dem Lande und auch in den Städten. Man feierte Fastnacht und im Sommer das Fest des Kriegervereins, das meistens um Johanni veranstaltet wurde. Meine Cousine erzählte mir, dass in dem betreffenden Jahr gerade die Kleeernte eingebracht wurde und sie Fuderladen sollte, was nicht so einfach war, denn es musste gleichmäßig geladen werden. Doch bei ihr ging es schief  und die linke Seite rutschte ab, was bei den anderen Gelächter hervorrief. Aber dieses war nicht so schlimm.

Sie hatte eine Bluse mit weitem Ausschnitt und die Hacheln flogen ihr ins Gesicht und Ausschnitt. Die Sonne gab ihr den Rest. Am Abend, als sie todmüde nach Hause kam und in den alten Spiegel sah, trat sie gleich einige Schritte zurück. Ein zerkratztes rotbraunes Indianergesicht schaute ihr entgegen. Aber was hatte die Sonne ihr für einen Schabernack gespielt; über den ganzen Ausschnitt hatte sie Spinnen und feldwanzenähnliche Tiere auf ihr Fell gesenkt. Gerade dort wo der Ausschnitt des weißen Kleides war, das sie am Sonntag zum Kriegerfest anziehen wollte. Selbst die Buttermilch von der Großmutter half nicht. Das Muster blieb, es war echt. Doch am Sonntag schwangen sich vier frohe Mädels in weißen Kleidern auf den Wagen und fuhren singend durch die Dörfer, an Bauernhöfen und Gärten vorbei. Der Storch stand auf dem Scheunendach und klapperte, wir winkten ihm zu. Wir sahen kleine Häuslein, deren Zaun mit Jelängerjelieber berankt waren. Kornfelder, auf denen roter Mohn und blaue Kornblumen blühten, flogen an unseren Augen vorbei. Mit dem Lied "Horch, was kommt zum Tor herein", fuhren wir in den Ort hinein. Das ganze Dorf stand im Festschmuck, sogar die alten Linden hatten ihr Blühen aufgespart. Die blühenden Linden wetteiferten mit den festlich gekleideten Menschen, groß und klein, und sie rauschten den fröhlichen Kindern zu, die in Scharen die Dorfstraße bevölkerten. Nun wird sie selber erzählen, was sie dort erlebte.

"Pirr," rief mein Bruder. Wir verließen den Wagen und wollten gerade zum Karussell und den Buden gehen, da kam Sontowskis Max uns in den Weg und begrüßte uns. Als er mir die Hand reichte, sagte er, als ob er mir ein großes Kompliment machte: "Freileinche, Ihnen haben die Heischrecken zerbissen!" und dabei zeigte dieser dumme Bengel noch auf meine versengte Heldenbrust. Alle lachten, und ich sagte ihm im scharfen Ton: "Sie haben einen Eichkater aufgefressen", und zeigte nach seinem zottigen rotbraunen Schnauzer. Ich drehte mich um und ging zu den Pfefferkuchenbuden. Dort kaufte ich ein Pfefferkuchenherz mit der Aufschrift "Alles Liebe". Es war ein recht großes Herz und die Aufschrift war aus Zuckerguss, wie auch der Rand. Die anderen Mädchen kauften Thorner Katharinchen, Steinpflaster und Honigbonbons und aßen sie gleich auf. Ich hatte mein Herz in ein Taschentuch gewickelt und hielt es eng an meine Brust fest. Selbst auf dem alten Pferdekarussell ließ meine Hand es nicht los.

Auch Ehrenjungfrauen waren da, es waren 12 an der Zahl. Da sie auf einem kleinen Hügel standen, und ein leichter Sommerwind wehte, sahen ihre weißen Kleider wie wehende Fahnen aus. Ihre braungebrannten Gesichter gaben ihnen ein liebliches Ansehen. Aber das I-Tüpfelchen waren die großen weißen Hüte mit den bunten Seidenbändern. Dieser Verein hatte ein gesticktes Banner, das die schöne Emmi trug, denn sie war die größte der Damen.



Die Ehrenjungfrauen beim Kriegerfest - (Zeichnung v. G. Templin)

Auf der Festwiese leuchteten nun die Lampions  auf und im Fackelschein wurde der Zapfenstreich gespielt. Anschließend fand die Polonäse statt. Sontowskis Max lief über den Platz und rief: "Et wart Polonäs gegange!" Ich dachte, komm du man, ich werde dir schon heimleuchten mit der Hundslaterne! Er kam, aber er nahm Lehrers Rosemarie. Meine Schwester, unser kleines Ruthchen und die Herta wurden auch fortgeholt. Ich stand ganz alleine und dachte: "Das ist doch alles wegen der Wanzenbrust!" Da sah ich Nachbars Fritz ankommen. Ich wollte mich noch hinter dem Lindenbaum verstecken, aber er hatte mich schon gesehen, kam freudestrahlend auf mich zu und beide schritten wir zur Festwiese und traten zur Polonäse an. Er sagte nichts über mein versengtes Fell.



Zeichnung von G. Templin

Die Musik spielte und der Mond schaute zwischen den Bäumen auf uns beide. Der Fritz brach eine wundervolle rote Rose, die aus einem Zaun hervorguckte; er reichte sie mir. Ich glaube, so gefreut habe ich mich in meinem Leben nicht, wie damals. Ich reichte ihm treuherzig mein Pfefferkuchenherz. Als er es auswickelte, sahen wir beide, dass vom Zuckerguss das Wort "Aus" abgebröckelt war. Aber das Wort "Liebe" stand unversehrt da. Er drückte mir die Hand und dankte. Ich glaube, noch nie haben die Linden so geduftet, wie damals. Als das Feuerwerk abgebrannt wurde, standen wir beide versonnen und versunken an einem blühenden Jasminstrauch. Die Rose bewahrte ich noch jahrelang auf in einer kleinen Schachtel, und wenn ich sie ansah, dann dachte ich an das Kriegerfest damals, als die Linden und der Jasmin blühten.

Copyright Gerhard Templin & Christa Mühleisen