Eine Segeltour auf dem Geserichsee.

von Gerhard Templin

Bearbeitung: C. Mühleisen

Wohl dem, der einen guten Freund hat, und ich hatte einen. Er wurde von uns Fritzchen genannt und wir drückten gemeinsam die Schulbank in den ersten Jahren. Später waren wir im Jungvolk zusammen und hatten viele Erlebnisse gemeinsam. Eines Tages fragte er, ob ich mit ihm eine Paddelsegeltour auf dem Geserichsee machen will. Sein Bruder Helmut, der bereits bei der Wehrmacht war, hatte ein Faltboot, das ungenutzt in einem Schuppen stand. Ich war sofort bereit und so bereiteten wir alles vor. Zuerst haben wir es gründlich gereinigt. Am kommenden Sonnabend wollten wir dann in See stechen.



Der Geserichsee bei Deutsch Eylau (G. Templin)

Unseren Eltern erzählten wir nur von der Paddeltour, sonst hätten wir mit unseren 16 Jahren nicht fahren dürfen. Zu diesem Boot gehörte auch ein Segel, was wir natürlich benutzen. Außerdem hatten wir ein 2-Mann Zelt dabei. Die Eltern von Fritzchen hatten eine Fleischerei. Mein Freund, der Liebling der Mutter, brachte einen Ring Fleischwurst, dazu Butter und Wurstkonserven. (Sein Vater belieferte nämlich die Wehrmacht). Ich brachte Brötchen, eine Erbswurst, Tee und Kaffee. Wasser hatten wir auch neben einem Spirituskocher. Unsere Verpflegung war gesichert. Wir zogen uns eine wasserdichte Bluse über, setzten eine Mütze auf und los ging die Fahrt. Eine leichte Brise schob uns von der Dampferanlegestelle auf den See. Nach dem Wetterbericht, der damals viel genauer war als heute, sollten wir ein herrliches Wochenende bekommen.

Bei diesem Boot mussten wir auf den Wind gut aufpassen. Auf jeder Seite war ein Schwert, so mussten wir beim Wenden höllisch aufpassen. Zunächst kam uns das Frachtschiff Martha aus Elbing entgegen, das für die Eylauer Kaufleute jede Woche die Fracht brachte. Der schwarze Ruß, der aus dem Schornstein kam, nebelte uns ganz ein. Es war Mitte Juni des Jahres 1941 und schon sehr warm. Da wir erst am Nachmittag losfuhren, sahen wir kaum Vögel, da diese morgens jagen. Nur einige Schwäne und Graugänse schwammen auf dem See. Vom Gut Schönhof waren die Kühe auf der Weide und ein leichter Heugeruch wehte zu uns herüber.



Weide bei Schönhof (G. Templin)

Wir wechselten die Seite und fuhren durch die Seeenge "Faule Brücke" in das Seegebiet "Die Motten". Hier war der See ganz glatt. Es waren da 10 Angler in ihren Booten, um Aale zu angeln. Wir wollten sie nicht stören und fuhren um die Halbinsel Fichtenort herum, die in den Geserichsee hineinragt. Hier blühten schon die Schwertlilien, die wilden Rosen und das Sumpfgras.



Schwertlilien (G. Templin)

Gleich hinter der großen Inselspitze befindet sich der Maserwinkel. Das ist eine Bucht, die abends mit ihren hohen Kiefern romantisch wirkt. Von dieser Bucht habe ich ein Ölbild gemalt.



Hier sah man einige Angler zwischen dem Schilf stehen und hier in der Stille waren auch die Nistplätze der Rohrweihen. Bevor wir in den Maserwinkel fuhren, machten wir noch kurz am Anlegesteg der Liebesinsel fest, die ein gepflegtes Schutzhäuschen für Angler und Wassersportler hatte. (Heute sieht man davon nichts mehr.) Eigentlich wollten wir bis zur Preußenhütte  (Jadziowken) fahren, aber wir entschlossen uns, in Schalkendorf unser Zelt aufzubauen, da im Westen der Himmel bezog.



Anlegestelle Schalkendorf (G. Templin)

In der Nähe der Anlegestelle fanden wir einen schönen Rasenplatz, wo wir unser Zelt aufbauten. In der Nähe war ein Bauernhaus, wo wir uns etwas Stroh holten und fragten den Besitzer, ob wir hier zelten durften. Zur Hilfe schickte der Bauer uns seine beiden Töchter, die recht hübsch waren und sich mit uns gleich anfreundeten. Sie waren auch 16 Jahre jung. Wir wollten nun unseren Tee mit dem Spirituskocher kochen, aber ehe wir uns versahen, brachten die Beiden uns heißen Kakao und wir aßen unsere mitgebrachten Schnitten. Wir schauten uns die untergehende Sonne an und es wurde ein schöner Abend, der vom Quaken der Frösche und Unken begleitet wurde. Nachts gab es ein leichtes Gewitter, aber wir schliefen gut.

Morgens schien wieder die Sonne und wir sprangen zum Baden in den spiegelglatten See. Kaum hatten wir uns abgetrocknet, waren die beiden jungen Damen wieder da und brachten uns Tee. Da wir auf der Schalkendorfer Seite segeln wollten, ließen wir unser Zelt stehen und versprachen, mittags wieder hier zu sein. Bei unserer Unterhaltung erfuhren wir, dass sie in Deutsch Eylau zur Schule gingen und zwar zur Haushaltungsschule, um später recht gute Ehe- und Hausfrauen zu werden. Wir arbeiteten für diese Schule und so musste ich recht vorsichtig sein. Aber ich konnte nur Gutes berichten, denn die Schule hatte einen guten Ruf in West- und Ostpreußen. Leider habe ich die Namen der Mädchen vergessen.

Die Landwirte nannten den Juni - trockener Monat oder Mitsommermonat, weil in diesem Monat die Sommersonnenwende liegt. Viele Sprüche gab es: "Juniregen bringt Segen" oder "Ist der Juni feucht und warm, wird der Bauer niemals arm."



Graureiher (G. Templin)

Morgens ist es an unserem Geserichsee am Schönsten. Viele kleine Blumen standen am Seerand, überall im Schilf und in den Büschen war Vogelgezwitscher , denn die meisten Vögel hatten Nachwuchs in ihren Nestern. In der Nähe kam ein Fischadler mit seinem Fang vorbeigeflogen und am alten Bollwerk standen 3 Kormorane und hechelten, damit ihre Federn trocken wurden.



Fischadler (G. Templin)

Auf dem See war es noch ganz ruhig, man sah noch kein Boot, nur der Angler, der schon am Abend auf dem Anlegesteg des Dampfers stand, angelte immer noch. Er hat reiche Beute gemacht. In einem Wassereimer schwammen etliche Zander. Unser See war durch die vielen Zandervorkommen sehr berühmt. Wir wollten ihm einige Fische abkaufen. Er lachte und schenkte uns einige große Exemplare. Unsere Eltern haben sich darüber sehr gefreut. Den ganzen Vormittag kreuzten wir nun auf der Schwalgendorfer Breite. Wir hatten uns vorher ordentlich eingekremt. Wir sagten den Mädchen, dass wir um 12 Uhr zurück sind. Wir hatten doch unsere große Fleischwurst und die Erbswurst im Gepäck. Die beiden Dorfschönen haben uns gleich bei der Zubereitung geholfen. Sie verfeinerten die Suppe mit einigen Kräutern, was sehr gut schmeckte. Die Beiden sind bestimmt gute Hausfrauen geworden. Einige Brötchen aßen wir dazu. Sie aßen mit uns gemeinsam.

So allmählich mussten wir an unsere Rückfahrt denken. Wir bedankten uns bei unserer Hilfe. Sie standen noch lange auf dem Bollwerk und winkten. Wir mussten nun kräftig paddeln, denn wir hatten kaum Wind. Im Seegebiet von Deutsch Eylau wurde es nun lebendiger. Überall sah man Paddelboote. Es waren meistens Boote des Heereswassersportvereins, denn dieser Verein hatte viele Boote für die Soldaten.

Mit guter Laune kamen wir an unseren Bootsschuppen zurück. Ein halbes Jahr später wurde mein Freund Fritzchen Soldat. Er kam zu den Panzern und ist bald in Russland gefallen. Gute Freunde muss man suchen und ich danke ihm noch heute für den schönen Tag, den wir verlebten.


Das Nutzungsrecht der Urheberrechte an den Bildern und Aufzeichnungen von Herrn Gerhard Templin wurde an Frau Christa Mühleisen übertragen.